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Die Gründung der "Stefan von Kotze Gesellschaft"

 

Grau ist der Himmel über Klein Oschersleben, grau sind auch die Häuser und die Gesichter der wenigen Menschen, die sich auf den Straßen der kleinen Ortschaft an diesem Sonnabendnachmittag zeigen. Anders als die Farben der Südsee und Australiens sowie deren Bewohnern. Beides hatte er in seinen Werken beschrieben: Stefan von Kotze. Sproß einer honorigen Adelsfamilie und Enkel Otto von Bismarck, den es aus Sachsen-Anhalt in die koloniale Welt trieb. Das heruntergekommene Schloß, der Stammsitz derer von Kotze liegt vor uns, der Friedhof gleich in der Nähe. Hier beginnt unsere Spurensuche. Dem verdienstvollen, aber vergessenen Literaten wollen wir nachspüren, um an seinem Grabe die „Stefan von Kotze Gesellschaft“ zu gründen. Im Weinhaus Leydecke in Berlin hatte die Vorgründung der Gesellschaft stattgefunden und nun soll die offizielle Gründung am Grabe erfolgen. Nur der Sterbeort ist uns bekannt und wir hoffen auf Erfolg bei der Suche nach der Grabstätte – wir haben Glück. In verwitterten Lettern ist auf einem einfachen Grabkreuz aus Granit der Name des Autors der „Südsee-Erinnerungen“ und der „Australischen Skizzen“ zu lesen. Wer war dieser „Kolonialbummler“, der fast hundert Jahre nach seinem Tode im Jahr 1909 noch junge Menschen dazu veranlaßt, sein Grab zu suchen? Er war ein Schriftsteller, ein „…gemütvoller Buffalo Bill, ein subtropischer Götz von Berlichingen…“, von dem Tucholsky sagte: Und Kotze war ein Mann … Ihm schlug in der Brust das ewig unruhige, nie zufriedene, in Sehnsucht emporverlangende Herz des Deutschen.“ Andere Zeitgenossen lobten ihn in Rezensionen: Kreuz-Zeitung: „… Ein brillantes Erzählertalent weiß hier aus Steinen Saft zu drücken, das sterile Australien mit humorvollen Skizzen zu befruchten …“; Leipziger Neueste Nachrichten: „… Das Lesen dieser Skizzen, wie Kotze sein Buch zu bescheiden nennt, ist ein voller Genuß …“; Hamburger Nachrichten: „… Ein nie versiegender Humor, der selbst auf die dunkelsten Kapitel der Menschheit einen Strahl versöhnenden Lächelns wirft, steht dem Autor zu Diensten und der gebrauchtseine Kräfte so verständig, daß jede Schilderung zur spannenden Erzählung, zur fesselnden, gedankenreichen und interessanten Lektüre wird …“. Nur wenige Titel haben die Leserschaft nach seinem Tode erreicht. Die beiden schon erwähnten Werke sind seine mehrfach verlegten Hauptwerke, weitere Titel sind leider nur in der Erstauflage erschienen, wie „Die Gelbe Gefahr“, Berlin o.J. [um 1900], in dem er die Erfahrungen aus dem deutschen Pachtgebiet Tsingtau verarbeitet oder „Altjungfernkoller, Randbemerkungen zur Feministik“, Berlin 1904, in dem er eine zeitimmanente Erscheinung bewertet hat. Überhaupt hatte er, seiner Zeit weit voraus, schon Dinge erkannt, die erst heute für viele erkennbar werden. So lautet einer seiner Titel über eine Balkanreise: „Im Europäischen Hinterhaus“, Berlin 1908. „Kotze beobachtet fest und sicher. Nicht wie ein Globetrotter durchreist er flüchtig die Gegenden, er arbeitet sich stets durch längeres Verweilen an Ort und Stelle ein und bekommt einen gründlichen Einblick in die Verhältnisse“ schreibt ein Zeitgenosse über ihn. Dieser „gründliche Einblick in die Verhältnisse“ ist es dann auch, der den heutigen Leser verblüfft; so kann er z. B. in den „Australischen Skizzen“ lesen: „Es ist sonderbar, daß eine ursprünglich so großzügige Lehre wie die der christlichen Liebe durch steifen, verständnislosen Schematismus und totes Formenwesen so sehr an Innerlichkeit und Anpassungsfähigkeit verlieren konnte, daß es ganz bestimmter, eng umgrenzender Kulturbedingungen und Staatsordnungen bedarf, um sie heute lebensfähig zu erhalten, daß die bei fremden Völkern unter fremden Verhältnissen völlig versagt.“ Im Gegenteil zu wissenschaftlich Reisenden ist „Kotze [.] kein Freund „sachlicher“ Reisewerke, die sorgfältig in chronologischer Folge erzählen, genau alle Ergebnisse registrieren und großen Wert auf Tabellen und Statistiken legen.“ Sondern „…wählt [.] aus seinen Erlebnissen und Beobachtungen mit sicherem Blick die aus, die typischer Natur sind, flicht auch gerne Anekdoten ein, verallgemeinert aber nur, wenn er sich dazu berechtigt weiß. So ist er nie trocken, sondern stets persönlich und farbenreich. Lebhafter noch wird Kotzes Erzählung, wenn sie von seinem Witz durchtränkt ist. – Kotzes Witz -!, der manchem Heutigen die Sprache verschlägt. Um diesen besonderen Humor zu fassen, zitiert Tucholsky Schopenhauer: „Denn näher betrachtet, beruht der Humor auf einer subjektiven, aber ernsten und erhabenen Stimmung, welche unwillkürlich in Konflikt gerät mit einer ihr sehr heterogenen, gemeinen Außenwelt, der sie weder ausweichen, noch sich selbst ausweichen kann.“ Dieser unausweichlichen, gemeinen Außenwelt ist von Kotze, Redakteur der „Täglichen Rundschau“, zu oft begegnet, als daß er sich von ihr hätte unterkriegen lassen. Er beschreibt sie in ihrer Gemeinheit und in einem Stil, „…wo ein solcher Mann das aufgeschrieben hat, was er sonst – krafterfüllt und auf alles andere bedacht als auf Wirkung – seinen Freunden, mit der Pfeife in den Zähnen, zu erzählen pflegte. Stil hat Kotze gar nicht. Wenn er bewußt spaßig sein will, erinnert er an den barocken Humor der Romantiker – aber das ist nichts. Am lustigsten bleibt er, wenn er so schnoddrigkoddrig seins hinschreibt, wie ihm der Schnabel wuchs. Stefan v. Kotze ist tot, berühmt ist er nie gewesen. Man darf ihn auch gar nicht literarisch werten; das verträgt er weder, noch kommt man ihm damit einen Schritt näher. Und doch strotzt er von Leben, und doch ist er ein Humorist.“ (Tucholsky). Dieser Humor wirkt auch heute noch und hat uns schließlich in den einsamen Ort Klein Oschersleben geführt, herbeigerufen von diesem vergessenen, konservativen Autor. Die „Stefan von Kotze Gesellschaft“1 wird sein Andenken pflegen und seine Werke der Vergessenheit entreißen, denn: „Alle Leser Kotzes, ob jung, ob alt, kommen auf ihre Kosten; allerdings werden sie, je nach dem Grade ihrer geistigen Reife, verschieden viel herausnehmen“ 2 Ralf Küttelwesch, Vorsitzender www.stefan-von-kotze-gesellschaft.de 1 Teile seines Werkes sind veröffentlicht in: “Der konservative Rausch“, Teil I u. II., ebenfalls erschienen bei www.factum-coloniae.de 2 Aus der Einleitung zu: Kotze, Stefan von: „Im australischen Busch“, Cöln am Rhein o.J..“ geändert